Handeln im Einklang der Natur

Für Millionen von Menschen ist der Garten ein kleines Paradies. Entspannung und Erholung, Leben mit der Natur und den Jahreszeiten, frisches, gesundes Obst und Gemüse von den eigenen Beeten, ein Platz zum Gärtnern, Spielen, miteinander Reden, Träumen – all das kann ein Kleingarten bieten.

In der Kleingartenanlage ist Raum für alle Generationen, für Neunjährige wie für Neunzigjährige.

Die Fläche aller Gärten in Deutschland ist doppelt so groß wie die Naturschutzgebiete. Biologischer Gartenbau ist eine gewaltige Chance, aus den Gärten ein immer dichteres Netz ökologischer Nischen zu knüpfen –Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen.

In den verschiedenen Zeitabschnitten der Entwicklung des Kleingartenwesens waren unterschiedlich ideelle und wirtschaftliche Motive von vorrangiger Bedeutung.

Die Geschichte zeigt, dass in Krisenzeiten der ernährungswirtschaftliche Aspekt den Ausschlag für einen Kleingarten gab, während ideelle Motive im Laufe der ungestörten Entwicklungsabschnitte mehr und mehr an Gewicht gewonnen haben.

Gerade in unserer heutigen Zeit ist dem Kleingarten in vielen Bereichen große Bedeutung zuzumessen. 

Er erfüllt vielfältige soziologische und umwelthygienische Funktionen.

Gegenüber der notwendigen Technisierung, gegenüber der Industrialisierung und Verstädterung mit ihren Vor- und Nachteilen, gewinnen Zielsetzungen wie Umweltschutz, Gesundheit und eine menschenwürdige Stadtgestaltung immer mehr an Gewicht.

Die Unwirtlichkeit vieler Städte lässt das Bedürfnis nach Grün und Natur immer stärker werden.

Die Innenstädte und Ortskerne sind in den vergangenen Jahren immer mehr zubetoniert worden.

Die fortschreitende Versiegelung von Grund und Boden und das damit gestiegene Missverhältnis zwischen bebauten Gebieten und Grünflächen beeinträchtigt nicht nur das Gleichgewicht des Naturhaushalts, sondern auch das des Menschen.

Je mehr Natur – also auch Kleingärten – in den Wohnlandschaften gebracht wird, um so menschlicher wird der Lebensraum, um so größer wird die Verantwortungsbereitschaft für diesen Lebensraum und um so lebenswerter ist diese direkte Umwelt für die Bürgerinnen und Bürger.

Die Sorge um die Natur darf nicht erst in der freien Landschaft anfangen. Der Wohnwert ist in hohem Maße vom Grün in der Wohnlandschaft abhängig. 

Kleingartenanlagen stellen in ihrer doppelten Funktion – als Teil des städtischen Grüns und als Flächen für die Kleingärten selbst – ein Angebot zugunsten der Vielseitigkeit und Lebendigkeit einer Stadt dar. 

Sie tragen dazu bei, Wünsche und Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten zu erfüllen.

Die Kleingärtner leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag für eine höhere Umweltqualität. 

Sie stellen den Städten und Gemeinden Natur, viel Grün und einen herrlichen Blumenschmuck kostenfrei zur Verfügung. 

Die ästhetische Wirkung, bedingt durch ein vielgestaltiges Pflanzenbild, trägt zum allgemeinen Wohlbefinden der Menschen bei. Kleingartenanlagen schaffen ein wohltuendes Klima und bieten Erholung von den Reizüberflutungen der städtischen Umwelt.

Die Beschäftigung mit einem Stück lebendiger Natur im Garten führt bereits bei Kindern zu mehr Naturverbundenheit und Verständnis für ökologische Prozesse und Zusammenhänge; dies sind wichtige Voraussetzungen für einen behutsamen Umgang mit der natürlichen Umwelt. 

Viele Zerstörungen in unseren Landschaften geschehen, weil sich die Verursacher zu wenig über die Verflechtungen des Naturgefüges und die daraus resultierenden Konsequenzen ihrer Handlungen bewusst sind.

Wer von Kindesbeinen an in einem Garten aufwächst und Freude an einem Stückchen Land hat, der wird viel eher die Notwendigkeit von umwelterhaltenden Maßnahmen einsehen und begreifen und auch bereit sein, sich aktiv dafür einzusetzen.

Die Entwicklung eines klaren Bewusstseins über die Abhängigkeit der Menschen von der Natur sowie der Erkenntnis über die Notwendigkeit , die natürliche Umwelt zu schützen und zu bewahren, sind wichtige Lernziele, die in einem Kleingarten vermittelt werden.

Die Bedeutung des Kleingartens liegt hauptsächlich in drei Bereichen:

  • in der dichten Bepflanzung und Pflege der Gartenflächen

  • im Obst-, Gemüse- und Blumenanbau, bei dem auf umweltbelastende Gifte und Kunstdünger weitgehend verzichtet wird

  • und in der Entlastung von Luft und Landschaft durch die Tatsache, dass die Kleingärtner in aller Regel ihre Freizeit in ihren Gärten verbringen und weder Wochenendhäuser unterhalten, noch lange Autoausflüge unternehmen

Die dichte Bepflanzung erfüllt speziell in Ballungsräumen wichtige Aufgaben.

Ein Hektar Kleingartenland, von Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern gepflegt und bepflanzt, hat viele Bäume und Sträucher, Blumen und andere Pflanzen. Die Oberfläche all dieser Pflanzen zusammengenommen, ergibt eine Gesamtfläche von vier bis fünf Hektar.

Diese riesige Blattfläche

  • filtert innerhalb von 12 Stunden rund 900 Kilogramm Kohlendioxid aus der Luft und verwandelt sie mit Hilfe von Wasser und Licht in Pflanzenmasse und 

  • erzeugt gleichzeitig 800 Kilogramm Sauerstoff.

Eine ein Hektar große Kleingartenanlage wirkt also wie eine chemische Fabrik, die Sauerstoff für viele Menschen erzeugt.

Das Grundwissen um biologische Anbaumethoden, früher von den Eltern auf Kinder überliefert, geht in unserer heutigen Zeit mehr und mehr verloren. Kleingartenverbände und Vereine leisten auf diesem Gebiet sehr viel, um Vergessenes aufzufrischen sowie Neues zu lehren und im Garten anzuwenden.

In Schulungsveranstaltungen der Verbände und Vereine werden die Kleingärtnerinnen und Kleingärtner auf naturgemäße Methoden hingewiesen, wird Mulchen und Mischkultur propagiert und die Bedeutung der natürlichen Schädlingsabwehr erläutert.

In Kleingärten besteht kein Produktionszwang, so dass infolge der immer größer werdenden Popularität biologischer Anbaumethoden gesunde Nahrungsmittel erzeugt werden, ohne Kunstdünger und frei von gesundheitsschädlichen Pestiziden.

Der Kompostierung von Garten- und Küchenabfällen kommt besondere Bedeutung zu. 

Im Kleingarten ist die organische Düngung mit Kompost die billigste und umweltfreundlichste Methode. Durch Kompostierung werden Garten- und Küchenabfälle wiederverwertet und dem biologischen Kreislauf erneut zugeführt.

Die umweltpolitische Aufgabe des Kleingartenwesens für die Gestaltung einer lebenswerten Umwelt verlangt eine vorbehaltlose Mitverantwortung aller Kleingärtnerinnen und Kleingärtner. Kleingartenanlagen gestalten das Bild unserer Kommunen weit mehr als öffentliche Anlagen dies vermögen. Sie erfüllen eine bedeutende Ausgleichsfunktion, indem sie einen gestörten Naturhaushalt in oft erheblichem Maße wieder zu regulieren vermögen. In unserer Kulturlandschaft muss die Natur durch Kleingärten neu geschaffen werden, die es hier nicht mehr gibt, weil sie mit Beton und Asphalt zugedeckt wurde. Nur in sorgfältig abgestimmten Pflanzgemeinschaften kann sie wieder erstehen. 

Weil die Natur immer mehr bedrängt wird und zu verarmen droht, ist die Schaffung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen, aber auch für die Menschen, im Kleingartenbereich von herausragender Bedeutung.

In der Geschichte der abendländischen Kultur, vor allem seit der technischen Revolution, haben sich viele Wertbegriffe in ihr Gegenteil verkehrt oder zumindest relativiert.

Wir kommen nicht umhin, für uns persönlich, wie für die Gesellschaft, Grundwerte als gültig anzuerkennen und unser Handeln danach auszurichten.

Die zeitgemäße Ethik hat daher nicht nur menschliche Belange und das Lebensrecht kommender Generationen zu berücksichtigen, sondern auch jene der Natur mit einzubeziehen.


Verfasser: Maaß, ehemaliger, verstorbener 1.Vorsitzender des LBK